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Der Stutenstamm 83
1934
begann
die Linie von Stamm 83 mit der Stute Flora 227 H von Ynte 130. Da sie Abzeichen
an den Beinen hatte, mußte sie als Hilfsbuchstute wieder neu beginnen, ihre
mütterliche Abstammung ist leider nicht überliefert. Ynte war bekannt für die
Weißvererbung damals. Er gab seinen Kindern jedoch auch ein spektakuläres
Gangwerk mit, was ihn für die Zucht sehr wertvoll machte und ihm qualitativ wie
auch quantitativ einen großen Einfluß auf die Friesenzucht bescherte. Seine
Nachkommen zeichneten sich desweiteren aus durch Adel, Eleganz und Stockmaß.
Flora brachte zwei Töchter, wobei nur die Peter 153-Tochter Whies 1976 die Linie
weiter fortsetzen konnte. Von ihr sind vier Ster-Stuten eingetragen, von denen
ebenfalls wieder nur eine, die Stoffel 157 Preferent Tochter Midora 3672 den
Stamm rettete. Ihre beiden Töchter von Nanne 197, Whita 4437 ster, geboren 1957,
und Afke 4646 model, geboren 1958, sind die eigentlichen Gründerinnen des
inzwischen blühenden Stutenstammes 83. Beide sorgten für hervorragende und
besonders fruchtbare Stutenlinien.
Whita wurde beschrieben als kleine (1,54 m) aber korrekte Stute mit guten
Bewegungen. Von ihr wurden zwei Töchter eingetragen: Lamkjen 5206 von Oene 201
und Nieske 5519 von Ritske 202 preferent. Oene hinterließ zwar nur wenige Stuten
in der Friesenzucht, die sich jedoch alle durch eine gute Qualität und
Fruchtbarkeit auszeichneten. Er war bekannt für seinen guten Trab und für seine
Leistungsbereitschaft.
Lamkjen war mit 1,62 m Stockmaß groß. Sie wurde beschrieben als guter Typ, Kopf
schön aufgesetzt, Schritt und Trab gut. Fünf ihrer Töchter von fünf
verschiedenen Vätern wurden ins Stutbuch eingetragen, zwei davon als
Ster-Stuten: Johannie 6057 von Ysbrand 238, der wie Freark 218 aus der bekannten
Typies 4521 von Meint 196 stammt.
Ysbrand verbrachte seine späteren Jahre nach seinem Ausscheiden aus der Zucht
übrigens als Kutsch- und Freizeitpferd in Deutschland.
Und Landsvrouwe 7043 von Ulrig 204, der ebenfalls einen klangvollen Namen hatte
und über eine besonders schöne Halsung verfügte, die er auch weitervererbte.
1993 entdeckte ich Landsvrouwe auf einer Rheinischen Stutenschau. Man sah ihr
an, daß ihr im Leben nichts geschenkt worden war. Doch als sie in die Bahn kam
und sich in Bewegung setzte, da staunten Publikum und Jury über ihre Trabaktion,
und sie wurde mit 18 Jahren noch als Prämienstute eingetragen. Auffallend bei
ihren Kindern und Enkelkindern ist, daß sie Hochbeinigkeit, Leichtfüßigkeit und
Mütterlichkeit und hoffentlich auch die Fruchtbarkeit ihrer Stammeltern immer
noch weitertragen, selbst in anderen Zuchten.
Landsvrouwe brachte noch drei Fohlen: Claudia 8119 von Tsjalling, geboren 1982,
scheint mir in Deutschland in der Zucht zu sein, da sie ein Fohlen von Franke
251 und zwei vom Fohlenbuchhengst Eyk V014 eingetragen hat.
Ihre letzte Tochter Jessi 8411 von Dagho 247 scheint auch in Deutschland geboren
zu sein, da ihr Vater Dagho in Holland 1983 seine letzte Decksaison hatte. Sie
ist 1985 geboren und hat ebenfalls eine Tochter von Franke.
Es wäre schon interessant, den Weg dieser Ster-Stute in der damaligen Zeit
einmal zurückzuverfolgen. Vielleicht ist ja jemandem etwas über Landsvrouwe
bekannt, dann schreiben Sie bitte an das Friesen-Journal, "Stichwort:
Landsvrouwe " Die ein Jahr jüngere Johannie brachte neun Fohlen, davon drei
Ster-Stuten. Gleich ihre erstgeborene (1980) Hearke 254-Tochter Warna 6990 war
ein züchterischer Dauerbrenner: 10 Fohlen und wieder die erste Tochter, Judith
8307 ster von Teake 273, geboren 1985, landete mit ihrem ersten Fohlen 1990 von
Peke 268 einen Volltreffer: Tsjomme 329 wurde ein gekörter Deckhengst im F.P.S.
Am Beispiel der WhitaTochter Nieske 5519, die großen Einfluß auf die Zucht bis
in unsere Tage hat, möchte ich aufzeigen, wieviele Zufälle nötig waren, um den
wahren Wert eines solchen Pferdes zu
entdecken. Wieder war es ein Pferdemensch der die tolle Stute entdeckte: Sipke
Jansma aus Donkerbroek. Aufgewachsen als Sohn eines Bauern. der nur mit
Friesenpferden seine Arbeit verrichtete und mit Stuten aus Stamm 45 züchtete,
lag ihm die Liebe für diese Rasse im Blut. Als er 1968 auf den eigenen Hof
umzog, nahm er nach alter Tradition ein Gespann Friesenpferde mit: die
Ster-Stute Mietsje, 16 Jahre, von Gosse, und ihre Mutter, die 21-Jährige Gebina
preferent. Als Gebina kurz darauf verstarb, brauchte Jansma dringend ein zweites
Gespannpferd.
Und so begegnete ihm eine unförmige, wenig gefahrene Friesenstute, tragend von
einem Schimmelhengst sicherlich nicht das Arbeitspferd, das er brauchte. Er bat
sich Bedenkzeit aus und kaufte sie doch, ohne Papier und ohne zu wissen, was er
sich da eingehandelt hatte.
"Ein schönes Gesicht und goldene Beine" war sein erster Eindruck gewesen, und er
forschte nach. Schließlich entdeckte er mit Hilfe des damaligen Sekretärs des
F.P.S. beim Bruder des vormaligen Besitzers das Papier. Ja, es war Nieske,
Mutter: Whita von Nanne, Vater: Ritske 202 preferent.
Eine Traumabstammung.
Leider war die Stute bei der Arbeit eher eine Lebensbedrohung als ein Traum.
Selbst sein Vater, der ihm helfen wollte, riet zum Verkauf, wenn er weiterhin
seiner Familie als Ernährer zur Verfügung stehen wollte.
Doch wo die Liebe hinfällt, da gibt es auch Mittel und Wege: ein Arbeitspferd
wurde beim Nachbarn ausgeliehen und Nieske jeden Abend eine
Stunde vor dem Wagen trainiert. Schließlich trug die Geduld Früchte, und die
Stute verrichtete fortan ihre Arbeit ohne Probleme. Ja, sie war so ehrgeizig,
daß sie eher auf die Knie ging als etwas stehenzulassen. So mancher Autofahrer
wurde von ihr im Winter wieder auf den rechten Weg gebracht. Mit sechs Jahren
wurde sie als Ster-Stute eingetragen. Auch als Kutschpferd hatte sie Erfolge.
Doch in erster Linie war sie Arbeitspferd. Sie wurde deshalb nur wenig in der
Zucht eingesetzt. Sie brachte fünf Stutfohlen, zwei davon wurden Sterstuten und
Mütter von Stammbuchhengsten:
Die 1973 geborene Hendrina 6648 von Ulrig 204 brachte von Hearke 254 Preferent
den Hengst Gerlof 294, und die 1983 geborene Elviraa von Hearke 254 Preferent
brachte von Oege 267 Preferent den Hengst Remmelt 323. Elviraa lebt immer noch
bei den Jansmas, Hendrina starb 1988. Großmutter Nieske wurde 22 Jahre alt. Ihr
letztes Fohlen Lieske 9211 von Djurre 284 mußte mit der Flasche aufgezogen
werden.
Gerlof
und Remmelt hatten wie ihre Großmutter einen schweren Start. Gerlof galt bei der
Fohlenschau als altmodisch und erhielt keine Prämie. Als Jährling ging er in den
Handel und kam zu Cor de Jong, der an ihn glaubte und ihn in Leeuwarden
vorstellte. Hier kam, sah und siegte er mit seiner gewaltigen Trabaktion.
Inzwischen ist er ein Star und genießt in Amerika ein Luxusleben.
Remmelt dagegen war ein spätes Fohlen, das am Haus eine 3. Prämie erhielt. Auch
er wurde verkauft und durch Zufall von Jan Folmer, einem Hengsthalter, entdeckt.
Remmelt ist nicht nur Leistungsprüfungssieger sondern auch sehr hoch in der
Dressur plaziert.
Die Nachkommen der zweiten Midora-Tochter Afke model 4646 von Noldus, geboren
1958, 12 an der Zahl (wovon 4 als Stutbuchstuten und zwei als Ster-Stuten), sind
nicht ganz so erfolgreich. Vielleicht fehlt ihnen auch einfach nur so ein
Liebhaber und Förderer, wie Nieske ihn fand. Afkes älteste Tochter Marianneke
5289 von Ritske 202 Preferent, wurde dreijährig als Ster-Stute eingetragen.
Ihr Schritt wurde als gut, ihr Trab als sehr flott beschrieben. Sie brachte zwei
Sterstuten: Yvonia 1969 von Klaes 228. deren einzige Tochter Hetty 5960, geboren
1973, von Meine 230, als siebenjährige zu mir nach Deutschland kam und von Oege
267 Preferent ein Hengstfohlen brachte, das beim F.P.S eingetragen wurde. Ihre
anderen Fohlen besitzen deutsche Papiere. Hetty war Zeit ihres Lebens eine
temperamentvolle Stute, kein Jedermann-Pferd. Sie wurde 23 Jahre alt.
Afkes zweite Ster-Tochter. Hermien 5904 von Meine ebenfalls eine sehr vitale
Stute die bis zum 23 Lebensjahr 12 Fohlen geboren hatte und deren erste Tochter
von Hearke 254 Preferent, die 1980 geborene Virginia 3950, schon Preferent ist.
So
zeigen die Pferde von Stamm 83 nicht nur in idealer Weise das Zuchtziel des
Friesenpferdes: Gesundheit Schönheit und Fruchtbarkeit Sie lassen den
aufmerksamen Leser erkennen, was das Friesenpferd nötig hat, heute ebenso wie
früher:
Menschen, die an es glauben.
Von Inge Thelen